Impressionen: Kiew und Pripyat

4

Oktober 2013 – wenige Wochen vor Aufkeimen der Proteste in der Ukraine war diese Ziel unserer kleinen Gruppe. In drei Tagen wollten wir die Hauptstadt ein wenig kennenlernen.

Hauptgrund unseres Besuches war aber natürlich ein Ausflug nach Tschernobyl und Pripyat. Ausflüge in die Zone sind heute ein nicht unwichtiger Wirtschaftszweig und eine echte Massenveranstaltung. Tag für Tag treffen unzählige Busse mit unterschiedlich großen Reisegruppen im Sperrgebiet ein.

Der Maidan wie bei der orangenen Revolution auch in diesen Tagen wieder zentraler Protestplatz in Kiev
Der Maidan wie bei der orangenen Revolution auch in diesen Tagen wieder zentraler Protestplatz in Kiev

Mit 2,7 Millionen Einwohnern ist die Hautstadt Kiew auch die größte Stadt der Ukraine. Sie liegt zu beiden Seiten des Flusses Dnepr und ist das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum der Ukraine. Im Zentrum dominieren historische Gebäude genau wie moderne Geschäftshäuser. Schnell wird aber der besonders krasse Unterschied zwischen Arm und Reich in der Ukraine deutlich. Während in den U-Bahn Stationen oder entlang der Einkaufsstraßen gebettelt wird, werden die Straßen oft von Luxus-Karossen in ungeahnter Anzahl dominiert.

Auch wenn Kiew auf Grund der Anti-Regierungsproteste kein Reiseziel erster Wahl ist, so hat sich der Besuch für uns mehr als gelohnt. In vielen Teilen ist die Ukraine moderner und aufgeschlossener als es das eigene Weltbild erahnte. Auch wenn die Kontraste groß sind, so befindet sich das ganze Land dennoch in einem Umbruch und es ist spannend diesen auch vor Ort zu erleben. Es bleibt zu hoffen, dass sich die derzeitige Situation wieder bessern wird und die Ukraine so auch für Touristen wieder ein interessantes und sicheres Ziel wird.

Die Tage in Kiew waren in jedem Fall eine sehr interessante Erfahrung. Entgegen unserer Befürchtungen war das Zurechtfinden auch ohne Kenntnisse der ukrainischen oder russischen Sprache meist kein Problem. Vor allem dank der Fußball Europameisterschaft 2012 sind viele Beschilderungen meist auch in englischer Sprache verfügbar und gerade die junge Generation Ukrainer spricht meist ausreichend gut englisch. Im Zweifelsfall hilft immer noch die Verständigung mit Händen und Füßen.

Denkmal für die Stadtgründer Kiews | Foto: Sergey Kamshylin
Denkmal für die Stadtgründer Kiews | Foto: Sergey Kamshylin

Auf nach Pripyat

041

Tschernobyl und Pripyat – wohl der größte und beklemmendste Lost Place Europas. Abertausende besuchen die Städte heute im Rahmen organisierter Ausflüge. Rund 120 bis 150 US$ muss man für den 1-Tages-Ausflug einkalkulieren. Für entsprechende Aufpreise sind auch Einzelführungen oder mehrtägige Ausflüge möglich. Eins haben alle Ausflüge gemeinsam: Egal bei welchem Anbieter man diese bucht – am Chechkpoint zur Zone wird die Gruppe immer von einem Führer der staatlichen Agentur übernommen.

Auch wenn die gesamte Zone Sperrgebiet ist, menschenleer ist sie keinesfalls – allein in Tschernobyl wohnen bis zu 10.000 Leute, darunter Feuerwehrmänner, Polizisten, Miliz, Kraftwerksmitarbeiter und viele andere die für die Aufgaben rund um das Kraftwerk und seine Infrastruktur nötig sind.

Erstaunlicherweise ist die Strahlenbelastung direkt in der Stadt auf keinem höheren Niveau wie in jeder anderen europäischen Stadt. Ganz anders sieht man es aus wenn man Bereiche betritt die nicht umfassend gesäubert wurden. Auf den Dosimetern sieht man oft schon wenige Meter neben den befestigten Straßen deutlich erhöhte Strahlenwerte. Dennoch: Für manch einen mag es verrückt klingen, dass man freiwillig einen potentiell so gefährlichen Ort besucht – letztendlich ist ein Besuch für eine überschaubare Zeitspanne völlig sicher. Die Strahlenbelastung unseres gesamten, rund achtstündigen Aufenthalts lag deutlich unter der, die man sonst allein bei einer einzigen Röntgenaufnahme aufnimmt. Ganz anders sieht es sicher für die Arbeiter aus. Diese arbeiten oft 3 bis 6 Wochen am Stück bevor sie dann einige Wochen „Pause“ in ihrer Heimat machen.

Am beeindruckendsten war dann sicher die Besichtigung von Reaktor 4 und der Baustelle des neuen Sarkophags. Nur wenige hundert Meter entfernt zu stehen war äußerst beklemmend und einschüchternd. Vom Kraftwerk aus ging es dann nach Pripyat. Die Stadt eigens gegründet für die Kraftwerksmitarbeiter und ihre Familien galt bis zur überstürzten Evakuierung als modernste Stadt der Ukraine. Die Versorgung der knapp 50.000 Einwohner war beispielslos und so waren die Arbeitsplätze mit all ihren Vergünstigungen sehr begehrt.

Ortseingangsschild von Pripyat
Ortseingangsschild von Pripyat

Unser recht junger Führer, der zum Zeitpunkt des Unglücks noch nicht einmal geboren war, vermittelte uns zahlreiche interessante Fakten (in gutem Englisch) und Hintergründe. Nur das Betreten der Gebäude ist inzwischen leider nicht mehr möglich. Nach Unfällen im vergangenen Jahr ist das Betreten nun strengstens verboten – angesichts der stark verfallenen und ausgeplünderten Gebäude auch kein Wunder.

Nach einem Rundgang durch das Zentrum Pripyats ging es dann zurück nach Tschernobyl wo wie noch ein – erstaunlich gutes – Mittagessen genießen durften.

065

Nur das gereichte Getränk, ein extrem stark jodhaltiges Wasser, war nicht besonders bekömmlich, um nicht ekelhaft zu sagen.

067

Nach der Kontrolle auf eventuelle Konterminierungen an martialisch aussehenden Strahlungsdetektoren verließen wir über den Checkpoint wieder das Sperrgebiet. Glücklicherweise zeigte niemand aus der Gruppe Strahlungsspuren und so ging es schnell weiter. Gelegentlich – vor allem im Sommer wenn sich Staub auf die Kleidung legt – soll es wohl vorkommen, dass Teile der Kleidung wie Schuhe oder Jacken dekonterminiert oder im Zweifelsfall zurückgelassen werden müssen.

064

Manch einer mag einen Ausflug an den Ort eines solchen Unglücks als makaber empfinden. Das ist sicherlich auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Letztendlich ist es aber auch Aufklärung die einen selbst bewusst werden lässt wie wenig absolute Sicherheit es im Umgang mit Kernenergie gibt. Beispiele aus jüngerer Vergangenheit haben gezeigt, dass es auch heute keine 100%ige Sicherheit gibt. Bilder: Marko Reichelt / Text: Marko Reichelt & Christian Gerber


Buchtipp

ad-tschernobyl

Willkommen im sonnigen Tschernobyl: Verstrahlt, verseucht, vergiftet –
Eine Erkundung der schlimmsten Orte der Welt

Autor:
Andrew Blackwell

Verlag:
Ludwig Buchverlag

Gebundene Ausgabe / 384 Seiten

Preis:
19,99 Euro

Jetzt portofrei bei amazon bestellen!

4 Kommentare

  1. Danke für den Bericht und die tollen Bilder! Der Maidan sieht beeindruckend aus. Kommt im Fernsehen gar nicht so rüber. Ich wünsche dem Land, dass sich alles zum guten wendet.

    Liebe Grüße aus Hessen! Jörg

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

*