Tallinn – Perle des Baltikums (2. Teil)

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Der 2. Tag im estnischen Tallinn stand ganz im Zeichen einer Radtour entlang der Ostsee.

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Tallinn – Der 2. Tag

Nachdem ich bereits im Vorjahr weite Teile der Innenstadt kennengelernt hatte, wollte ich bei diesem Aufenthalt auch einmal die Umgebung der 417.000 Einwohner Stadt Tallinn kennenlernen. Meine Mitreisenden waren schnell überzeugt und so stand für den 2. Tag eine Radtour auf dem Programm.

Radwanderweg entlang der Ostsee | Open Cycle Map
Radwanderweg entlang der Ostsee | Open Cycle Map

Fahrradvermietungen gibt es einige. Preisunterschiede gibt es aber kaum. Für eine 24 Stunden Miete sind im Schnitt 12 bis 14 Euro fällig. Eine einzelne Stunde kostet im Schnitt 2 Euro. Gegen einen kleinen Aufpreis, kann man sich die Leihfahrräder auch zu seinem Hotel bringen lassen, wobei einige Hotels auch eigene Fahrräder verleihen.

Nach einem stärkenden Frühstück bei einem deutschen Bäcker am Rande der Altstadt, machten wir uns auf dem Weg zum Fahrradvermieter unseres Vertrauens. An der Viru Shopping Mall ganz in der Nähe des Viru Stadttores befand sich ein mobiler Fahrradvermieter mit vernünftig aussehenden Bikes. Schnell waren die Formalitäten erledigt und wir erhielten noch eine Karte mit interessanten Routenvorschlägen. Aber auch ohne diese Karte, kannten wir bereit unser Ziel.

Eine der interessantesten Radwanderwege führt direkt von der Innenstadt entlang der Ostsee nach Norden. Auf dem Weg durch die Stadt durchquerten wir auch den historischen Kadrioru Park. Dieser liegt im nordöstlichen Stadtbezirk Kadriorg (historischer deutscher Name: Catherinenthal). Als Russlands Zar Peter I Schweden und dann Estland eroberte gab er 1718 den Auftrag ein Barockschluss und ein Parkensemble als seine Tallinner Sommerresidenz anzulegen.

Kadriorg Park
Kadriorg Park

Das in einem Tal liegende Ensemble wurde nach seiner 2. Ehefrau „Katharinenthal“ genannt. Da der Zar 1725 überraschend starb, blieb das Projekt zunächst unvollendet. Trotz Schloss war die Gegend eher ein ärmeres Viertel, welches erst im 19. Jahrhundert, durch die Besuche weiterer russischer Zaren, zu einem mondänen Seebad aufstieg.

Wir streiften den Park zunächst nur am Rande – das Schloss und die weiträumigen Anlagen wollten wir uns für den Rückweg aufheben. Mit „TTC # 11 – Trinitrotoluene“ suchten und fanden wir hier auch unseren ersten Cache des Tages. Ganz in der Nähe sollte mit „Czech cache / Tšehhi aare“ auch gleich Nummer 2 folgen. Bei diesem Tradi handelt es sich um eine schöne große Regular-Dose die etwas abseits des Weges versteckt war. Nach einem schnellen Fund fuhren wir durch den Park in Richtung Ostsee. Durch die geschickt angelegten Sichtachsen im Park, konnten wir schon von weitem das eindrucksvolle Rusalka-Denkmal, direkt an der Ostsee, ausmachen.

Rusalka Denkmal
Rusalka Denkmal

Das eindrucksvolle Russalka-Denkmal wurde 1902 von dem estnischen Bildhauer Amandus Adamson geschaffen und soll an den Untergang des russischen Marineschiffs Rusalka
im Jahr 1893 erinnern. Das Denkmal stellt einen, auf einem Granitsockel stehenden, Engel dar, der in seiner ausgestreckten rechten Hand ein vergoldetes Kreuz hält. Der Engel zeigt auf den vermuteten Ort des Schiffsuntergangs.

Trotz sommerlichem Wetter , war der weiße Sandstrand fast menschenleer. Nur ein paar hartgesottene sürzten sich in das noch immer recht frische Ostseewetter. Ein relativ kühler Wind trug sein übriges dazu bei. Für uns Radfahrer war der Wind eigentlich ganz angenehm, denn so wurde die Tour weniger schweißtreibend als erwartet. Mangels Caches ging es nun im recht flotten Tempo einige Kilometer entlang der Ostsee. Die Promenade entlang der Ostsee wird von Radfahrern, Spaziergängern, Joggern und Inline-Skatern gleichermaßen stark frequentiert.

Als nächstes erreichten wir Maarjamäe (deutscher Name: Marienberg). Maarjamäe ist ein Außenbezirk der Stadt Tallinn und liegt direkt entlang unserer Radstrecke. Bekannt ist Maarjamäe vor allem für die riesige sowjetische Gedenkstätte direkt an der Ostsee. Sie ist das größte Ehrenmal für die Rote Armee in Estland. Durch die politische Wende wurde der Denkmalkomplex nie vollendet. Bis zur Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit trug der Komplex den Namen „Park der Völkerfreundschaft.“ Zunächst befand sich hier ein deutscher Soldatenfriedhof, auf dem die Gefallenen der Besatzungszeit (1941 bis 1944), beigesetzt wurden. Nach der erneuten sowjetischen Besetzung wurde der Friedhof eingeebnet und begannt mit der Errichtung des Ehrenmals. Der weit angelegte Komplex umfasst zahlreiche Denkmäler aus Eisen und Beton, die an die gefallenen Sowjetsoldaten des Zweiten Weltkriegs erinnern sollen. Zentrales Element der Anlage ist ein 35 Meter hoher Obelisk aus Dolomit. Der auch von der Ostsee aus sichtbare Obelisk erinnert an den Eismarsch der Baltischen Flotte. Mit dem Vorrücken der kaiserlich deutschen Truppen auf Tallinn, evakuierte die zaristische Armee ihre Marinetruppen von der estnischen Hauptstadt nach Kronstadt.

Der gesamte Komplex ist durchaus beeindruckend, auch wenn er heute dem Verfall preisgegeben ist. Wie überall im Baltikum, kümmert sich kaum jemand um den Erhalt des sowjetischen Erbes. Zu schmerzlich sind die Erinnerungen für viele Esten an die sowjetische Besatzungszeit. Die wenigen Russen und russischstemmigen Esten die sich um eine Pflege kümmern, können den Verfall nicht wirklich aufhalten.

Seit 1998 gibt es hinter dem sowjetischen Ehrenmal auch wieder eine deutsche Kriegsgräberstätte. Das 27.000 m² große Gelände wurde durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gestaltet. Neben einem 5,50 m hohen Hochkreuz aus Stein befinden sich 24 liegende Schrifttafeln mit den Namen der über 2.000 hier ruhenden deutschen Soldaten.

Auch wenn es an diesem geschichtsträchtigen Ort keine Caches gibt, so lohnt sich ein Besuch in jedem Fall.

Koch Kapelle
Koch Kapelle

Nur ein paar hundert Meter entfernt, konnte dann auch endlich das „Dosenfieber“ wieder befriedigt werden. In der Nähe eines großen Sportkomplexes mit Velodrom und weiteren Sportanlagen befand sich die „Koch Kapelle.“ Die Kochs waren eine Familie aus Tallinner Kaufleuten welche hier 1870 eine Familienkapelle errichteten. Die kleine Kapelle wurde von 1999 bis 2003 restauriert und heute lockt ein kleiner Small-Tradi Besucher an diesen Ort.

Tallinn2-11

Nicht weit entfernt befindet sich auch der Pirita-Yachtklub. Hier liegen die großen Yachten und kleineren Sport- und Segelboote der Tallinner Mittel- und Oberschicht. Im Außenbereich eines Restaurants stärkten wir uns auch gleich noch bei einem leckeren, preiswerten Mittagessen und frisch gestärkt und voller Tatendrang, konnte es weitergehen. Leider ohne weiteren Cachefund, denn der
einzige Tradi im Hafen, ist ein T 4,5 Cache – für das Bergen ist der Einsatz eines Bootes unbedingt erforderlich. Mangels Boot verzichteten wir auf diesen Punkt.
Hier im Hafen befindet sich übrigens auch eine Niederlassung des estnischen Garmin-Importeurs. 😉

Nach dieser leichten Cachekost verabschiedeten wir uns vorerst vom sehr gut zu befahrenen Radweg entlang der Ostsee. Unsere Tour führte uns durch den „Kloostrimets Wald.“ Der Wald wird von vielen Esten zum Wandern, Picknicken und für andere Freizeitaktivitäten genutzt. Die oft sandigen Wege waren aber nicht immer Fahrrad-tauglich und so mussten wir uns das ein oder andere mal schiebend fortbewegen.

Nach einigen, recht anstrengenden Kilometern, erreichten wir schließlich auch unseren nächsten Cache. „Pirita Jõgi“ ist ein kleiner Small-Tradi inmitten des riesigen Waldgebiets. Die Dose war zügig gefunden und so konnten wir unsere Tour schnell fortsetzen.

Kloostrimets - ein wunderschönes Waldgebiet unweit Tallinns
Kloostrimets – ein wunderschönes Waldgebiet unweit Tallinns

Auch wenn es zeitweise nicht so aussah – aber wir wussten was wir taten. Dank topografischer Karte erreihten wir irgendwann unser nächstes Ziel. Der Tallinner Fernsehturm (estn. Tallinna Teletorn) war nämlich unser heutiges Tagesziel. Der Fernsehturm ist 314m hoch und damit das höchste Gebäude Estlands und nach dem Rigaer Fernsehturm (368,5m) sogar das zweithöchste, freistehende Gebäude ganz Nordeuropas. Natürlich wollten wir auch die Aussichtsplattform, welche sich in 170 Metern Höhe befindet besuchen. Leider gab es zum Zeitpunkt unseres Besuches längere Wartezeiten, so dass wir 2 Stunden hätten warten müssen. Das war uns zu lang und so begnügten wir uns damit, die Ausstellungen im Erdgeschoss anzuschauen. Der Fernsehturm wurde für Besucher übrigens erst im April 2012, nach fünfjähriger Renovierung, wieder eröffnet. Von der Aussichtsplattform aus, kann man bei guter Sicht bis zur 70km entfernten finnischen Küste schauen. Errichtet wurde der Fernsehturm anlässlich der olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau. Die Eintrittskarte für die Aussichtsplattform kostet 7 Euro.

Unweit des Fernsehturms befindet sich auch der botanische Garten Tallinns. Da es aber allmählich Nachmittag wurde und uns ein längerer Rückweg bevorstand verzichteten wir auch hier auf einen Besuch und machten uns allmählich auf den Rückweg nach Tallinn.

Nachdem wir uns auf dem Weg zum Fernsehturm kilometerlang über teils sandige Waldwege gequält haben, wählten wir für den Rückweg die Straße bzw. wo vorhanden den Radweg. Da sich der Fernsehturm auf einem Berg befindet, ging es ohne größere Kraftanstrengung und mit erheblichem Tempo wieder in Richtung Pirita. Die Strecke, die uns auf dem Hinweg durch den Wald gut 90 Minuten kostete, absolvierten wir so in nur 10-15 Minuten.

Mangels Caches kamen wir sehr flott voran und waren nach einer knappen gemütlichen Stunde Radfahren fast wieder in Tallinn angekommen. Unweit des Kadriorg-Schlosses und Parks befindet sich einer der bedeutendsten Orte Estlands. Auf dem Lauluväljak (Sängerfestplatz) begann 1988 die sogenannte „Singende Revolution.“ An diesem historischen Platz fand seit 1865 im Abstand von 5 Jahren das Sängerfestival statt. Das Festival galt als bedeutendstes Fest des Landes bei dem zehntausende Menschen zum Singen zusammenkamen.

Baltischer Weg | Foto unter CC-Lizenz, Figuura.
Baltischer Weg | Foto unter CC-Lizenz, Figuura.

1988 wurden die Bestrebungen nach Unabhängigkeit von der Sowjetunion immer größer. Im Sommer kamen hier dann 300.000 Esten zusammen und sagen erstmals wieder ihre bis dato verbotene Hymne. Dieser gewaltige Aufmarsch leitete die Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten ein. Der Begriff „Singende Revolution“ gilt heute als Synonym für die Unabhängigkeitsbewegung welche am 23. August 1989, genau 50 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt, in einer nie dagewesenen Demonstration gipfelte. 2 Millionen Menschen aus dem gesamten Baltikum bildeten den „Baltischen Weg“, eine Menschenkette über eine Länge von 600 Kilometern, von Tallinn über Riga nach Vilnius.

Der Sängerfestplatz ist ein Kulturdenkmal Estlands. Die derzeitige Sängerbühne ist ein Beispiel für die estnische Architektur der Moderne, sie stammt von Henno Sepmann und wurde 1960 errichtet. Direkt am Sängerfestplatz befindet sich mit „TTC # 15 – Esimene lind, kes kevadel laulab…“ auch einer kleiner Tradi mit Small-Dose. Da der Cache zum Zeitpunkt unseres Besuches aber disabled war, fehlt uns diese Dose in unserer Fundstatistik.

Vom Sängerplatz ging es wieder in den Kadriorg-Park den wir zu Beginn unserer Radtour schon einmal durchfahren hatten. Vorab war uns eine mit einigen Favoritenpunkten versehene Regular-Dose aufgefallen. „Catbert“ hieß der Tradi und trotz eines T-Wertes von 3,5 waren wir guter Dinge, diesen Cache bergen zu können. Mit den T-Werten ist es aber so eine Sache in den baltischen Ländern. Der durchschnittliche Geocacher hier ist jung und sportlich. Das führt dazu, dass die Terrainwerte oft sehr „optimistisch“ angegeben sind. In Riga habe ich ein Tradi mit einem T-Wert von 2 gesucht. Dieser befand sich in 15m Höhe an einem aktiven Strommast – ganz so schlimm war es hier nicht, aber die Bergung wurde doch herausfordernder als gedacht. Dank eines der Fahrräder als Kletterhilfe und einer gehörigen Portion Mut, gelang es Wolle [CR] aber den Baum zu erklimmen und die Dose zu bergen.

Schloß Kadriorg
Schloss Kadriorg

Nach dieser – zumindest für einen des Teams – sportlichen Einlage, war das Schloss unser nächstes Ziel. Das Schloss beherbergt heute das estnische Museum für ausländische Kunst. Im kleinen ehemaligen Wohnhaus Zar Peters I. ist ein Museum eingerichtet, das seinem Leben gewidmet ist. Die weitläufigen und sehr gepflegten Parkanlagen rund um das Schloss laden zum Spazieren und Verweilen ein. Auch die weiteren Gebäude rund um das Schloss beherbergen heute zahlreiche Museen und Galerien. Kunstinteressierte Besucher können hier allein Tage verbringen.

Eine der beliebtesten Plätze der Anlagen ist der Schwanensee. Am exakt symetrisch angelegten See gibt es auch einen gleichnamigen Tradi-Cache (TTC #10 – Swan Lake), dessen Bergung bei hohem Muggelaufkommen aber alles andere als einfach ist. Mit dem Hint „4:30“ lässt sich aber schnell ein passendes Versteck ausmachen und dann braucht man nur noch einen schnellen Griff um den kleinen Mikro zu bergen.

Mit diesem Tradi schlossen wir auch den Geocaching-Tag ab. Nach einigen Kilometern durch den Tallinner Feierabendverkehr erreichten wir wieder den Ausgangspunkt des heutigen Tages und gaben die Fahrräder am Viru Center ab. Mit den Fahrrädern waren wir im Übrigen sehr zufrieden. Die einhellige Meinung war, dass wir selten so bequeme und gut fahrende Fahrräder gefahren sind.

Schwanensee im Kadriorg Schlosspark
Schwanensee im Kadriorg Schlosspark

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Die Caches des 2. Tages

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[li type=“icon-map-marker“]GC1CB15 – TTC # 11 – Trinitrotoluene (Tradi)[/li]
[li type=“icon-map-marker“]GC1DAJM – Czech cache / Tšehhi aare (Tradi)[/li]
[li type=“icon-map-marker“]GC2CGCZ – Koch Chapel / Koch’i kabel (Tradi)[/li]
[li type=“icon-map-marker“]GC3AY9V – Pirita Jõgi (Tradi)[/li]
[li type=“icon-map-marker“]GC1JVDH – TTC # 15 – Esimene lind, kes kevadel laulab… (Tradi)[/li]
[li type=“icon-map-marker“]GCW99H – Catbert (Tradi)[/li]
[li type=“icon-map-marker“]GC17VMV – TTC # 10 – Swan lake (Tradi)[/li]
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Inzwischen war es recht spät geworden. Nach einem Kurzbesuch in unserem Hotel zogen wir noch ein wenig durch die Altstadt und kehrten schließlich in einer einladenden Bar ein. Hier lief das Viertelfinale der Europameisterschaft 2012 auf Leinwänden und zahlreichen TV´s und bei dem ein oder anderen Bierchen ließen wir diesen anstrengenden Tag ausklingen.

Der dritte und letzte Teil des Berichts folgt bereits in wenigen Tagen!

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